Auch mitten in der Stadt wächst Grünzeug. Niemand hat es angepflanzt, aber überall findet die Botanik kleine Risse, Spalten oder auch nicht asphaltierte Flächen, aus denen es heraus sprießt. Damit die Stadt urban-sauber bleibt treten hier städtische Arbeiter in Aktion, die dieses unerwünschte Grün beseitigen. Auch im beschaulichen Nauwieser Viertel, das sein einladendes Flair durch Cafés, alte Hausfassaden und Studentenkneipen entwickelt, kann man den botanischen Wildwuchs bestaunen, der als autonome Konkurrenz zu städtisch gestalteten Grünflächen üppig in Erscheinung tritt. Passend zum Stil dieses Stadtviertels entwickelte die Saarbrücker Künstlerin Bernardete Fernandes ein Konzept für einen alternativen Umgang mit der urbanen Botanik. Statt mit schnarrenden Heckenscheren oder schrillen Motorsensen sollte das Grünzeug von Ziegen als Tierfutter genutzt und dabei gestutzt werden. Im Juli und August 2010 spazierten sie und eine Helferin mit zwei Ziegen in unregelmäßigen Abständen durch das Nauwieser Viertel und ließen die Ziegen Gräser, Löwenzahn und andere Kräuter die sich zwischen Asphalt und Laternenmasten hervordrängten, abfressen. Eine langsame Methode, denn die eigenwilligen Tiere mussten immer wieder ein Verdauungspäuschen einlegen. Obwohl die Methode alles andere als spektakulär war, erwies sie sich als effizient. Es musste kein Biomüllkonzept entwickelt werden, sondern die beseitigten Kräuter wurden umgehend einer ökologisch korrekten Verwertung zugeführt. Zudem erwies sich die Aktion als humorvoll und poetisch, sie brachte Menschlichkeit über Tiere in die Stadt: Anwohner, Passanten und vor allem Kinder blieben stehen und waren begeistert. Die Ziegen waren Anlass zu heiterer Kommunikation und brachten ein beschauliches Moment ins Stadtleben, passend zu aktuellen Strömungen vom „Entschleunigen“ bis zu kulinarischem „Slowfood“ oder zum italienischen Konzept der „Citta slow“.
Eine Dokumentation dieser und weiterer Aktionen der Reihe „Ausgang City/Aufgang Nord“ wird in einer Ausstellung im KuBa auf dem Eurobahnhofsgelände vom 13.9.2010 bis zum 18.9.2010 zu sehen sein. Die Eröffnung findet am 12.9. um 17.00 Uhr statt.
K.B. © 2010
